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Mai 31

Vinyl und die Wertschöpfungskette

Vinyl vs. Streaming

 

Gedanken über Werte, Geschichte & Kultur

 

Geht es Ihnen wie mir ? Machen Sie sich in Ihren ruhigen Minuten, sagen wir im Auto beim gemütlichen Autobahnsurfen, auch so Ihre Gedanken ?

Einmal mehr ging es mir so, als ich vor wenigen Tagen eine Mera zu einen Kunden ausgeliefert hatte. Wir unterhielten uns -wer würde etwas anderes erwarten ?- über Schallplatten.

Nun ist es so, daß wohl nur noch wenige Mitbürger wie beispielsweise Angestellte der Europäischen Landeszentralbank oder Helmut Kohl höchstpersönlich, das Experiment Europäische Einheitswährung nicht in Frage stellen würden.
Wir alle sollten uns mit der Tatsache auseinander setzen, daß unsere sauer angesparten Devisen in umgewandelter Form wertbeständiger sind, als in ihrer Papierform.

Und genau dieser Umstand, in Zusammenhang mit dem bereits angesprochenen Kundengespräch über Plattensammlungen sowie einem Artikel der STEREO in der Ausgabe 6/2010, gab mir den Anlaß zu folgender Überlegung.

 

In diesem Artikel unterhielten sich:

  • Don Schone, Vertriebsleiter Teac/Esoteric
  • Jürgen Reis, Entwickler MBL
  • Thomas Saheicha, Geschäftsführer Linn Deutschland
  • Keith Robertson, Chefentwickler DS Systeme Linn
  • Ulrich Michalik, Pressesprecher Linn Deutschland
  • STEREO Redakteure

Hintergrund des Gesprächs war die Bekanntgabe der Firma Linn, die Produktion von CD-Spielern ein zu stellen.

Was interessiert uns als Vinyl-Freunde diese Entscheidung, wird sich der ein oder andere fragen.
Nun. Vermutlich hat dieser Schritt mehr Auswirkung auf unsere Hörgewohnheiten und der damit zusammenhängenden Wirkung auf unser Kulturgut Musik, als es im ersten Moment den Anschein hat.

Als IT Spezialist will ich gar nicht behaupten, daß die Streaming Technologie nicht vom ersten Augenblick eine gewisse Faszination auf mich ausübte.
Direkt nach Aufkommen der ersten MP3 Konverter integrierte ich diese Art des Musikhörens in meinen Tagesablauf. Bereits der dritte iPod erfreut sich eines regen Gebrauches durch mich.
In jeder Sekunde an Bahnhöfen, Flughäfen, im Hotel oder am Strand, ist das Musik-Streaming ein stetiger Begleiter.
Hat das Streaming auch Einzug in die eigenen 4 Wänden gehalten ?

Ja, natürlich hat es das. Aber es hat nicht die konservativen Musikreproduktions-Geräte ersetzt.
Stellen wir uns die Frage, warum dies nicht der Fall war.

Linn ist der festen Überzeugung, dass die Zeit der CD bereits zu Ende ist. Die Technologie wäre ausgereift, vollständig ausgereizt und biete kein Verbesserungs- und Entwicklungspotential mehr.
Interessant ist in diesem Zusammenhang die Auffassung von Linn, daß eben dies bei der analogen Technik des Schallplattenspielers ihrer Meinung nach nicht der Fall sei.

Was denken wir an dieser Stelle als Vinyl-Anbeter ?

Die Schallplatte wird die CD überleben !!

Und genau darüber sind sich alle Beteiligten einig. Niemand stellt in Frage, daß genau dies eintreffen wird.

Im ersten Moment kann man die Argumentation an dieser Stelle sicher nicht ganz nachvollziehen. Eine Technologie, die bereits vor Jahrzehnten auf dem Abstellgleis war, soll gegenüber einer deutlich moderneren, ein höheres Entwicklungspotential ausweisen ?

Meiner Meinung geht es hier um etwas ganz anderes.
Schon bei der CD wurde befürchtet, ein Stück Kulturgut werde durch die digitale Technik verloren gehen.
Cover, die man kaum noch erkennen kann. Booklets, die nicht mehr zu einem sprechen. Haptik wird reduziert auf ein Stück Plastik.

Was aber geschah ? Man entwickelte der CD gegenüber ein ähnliches Verhalten wie gegenüber der Schallplatte.
Man sammelte, man archivierte, man stellte zur Schau. Und nicht nur das. Man konnte sogar am "Alten" festhalten.

Die LP kehrte aus der Versenkung wieder zurück. Eine Koexistenz wurde geschaffen, die heute niemand mehr wirklich in Frage stellt, der sich mit Hifi und Musik auskennt.

Einem Vinyl Freund geht es um Langsamkeit, um "Entschleunigung". Er möchte an Altem, Vergangenen festhalten. Er liebt die Zeremonie des Plattenauflegens. Er möchte seine Gerätschaften und Medien pflegen. Er möchte in Plattenbörsen stöbern, den Geruch von Vergilbten sensorisch aufnehmen.
Ein einmal erstandenes Gerät ist ein System von Dauer. Es hat Bestand, es hat einen Wert. Eben genauso, wie das schwarze Stück Plastik selbst, das er sein Eigen nennt und das die Musik gespeichert trägt.
Er ist stolz auf seine Sammlung. Er stellt sie mit gehobener Brust Bekannten, Freunden und Besuchern zu schau.
Wie ein Literar, der auf eine große Bücherwand schaut.

Trotz des mehrfachen Versuches elektronische Bücher zu etablieren, sind bisher nur zaghafte Erfolge zu verzeichnen.
Vor vielen Jahren bereits, ging diese Technologie mit Pauken und Trompeten unter und verschwand wieder vom Markt.
Das Kindle von Amazon sowie Apple's iBook sind derweilen dabei dies zu ändern. Dies hat aber keinerlei Einfluß auf die Tatsache, daß jeder überzeugte Leser hochwertiger Literatur sich damit schmücken möchte.
Er wird sich weiterhin für den in Papier verewigte Speicher entscheiden. Denn nur dieser lässt sich eindrucksvoll in den eigenen vier Wänden aufgebahren.

Die Ära der CD ist zu Ende. Auch von meiner Seite aus gibt es daran keinen Zweifel. Da sie es aber zu Lebzeiten nicht vermochte, die alte analoge Technik zu verdängen – eben aus genau diesen von mir angesprochen Gründen – wird sie nun selbst dieses Schicksal erleiden.
Wirklich besser konnte sie ihre Sache nie. Im Gegenteil. Sie legte oftmals ein steriles Bild zu Tage, dass die Berfürworter und Anhänger der analogen Technik nochmehr in ihrer Argumentation bestärkten.

Denn eines sollte uns klar sein. Die Einführung des Streamings ist nicht mit der der CD zu vergleichen.
Streaming bedeutet eine Verbesserung der gegenwärtig genutzten Technologie der CD. Der digitalen Musikaufzeichnung.
Der einzigste Unterschied zur CD ist der Verzicht auf Mechanik. Dank der in den letzten Jahren stark fortgeschrittenen Entwicklung in der Speicher-Technik, sind wir in der Lage auf Kompression à la MP3 zukünftig zu verzichten und den gesamten Datenumfang einer CD – und darüber hinaus ! – auf Festplatte oder Chip zu speichern.
Es gibt absolut keinen Grund mehr am Medium CD fest zu halten.

Nur eben einen ! Den haptischen, ideelen und materiellen Wert des Besitzes.

Was bekomme ich als Gegenwert für mein Geld ?

  • einige Bits und Bytes auf irgend einem Speichermedium ?
  • oder ein Stück "Etwas". Etwas zum Anfassen. Etwas zu Lesen. Etwas zum Hinstellen. Etwas zum Zeigen. Etwas zum Verkaufen. Etwas zum stolz sein

Die Einführung der CD hat die analoge Musikwiedergabe über Vinyl und Tonabnehmer nicht verdrängt, nicht verbessert. Es handelte sich um die Einführung einer völlig neuen Technologie.
Musikwiedergabe über digitale Medien ist eben etwas anderes als über analoge.

Und aus diesem Grund ist die Schallplatte immer noch Bestandteil unserer Musikkultur.
Sie wird es auch noch dann bleiben, wenn unsere Kinder schon lange nicht mehr wissen, wozu die CD einmal da war.
Schon heute ist die CD kein Musik-Speichermedium mehr für die Jüngsten unter uns.

Warum nicht ? Weil es für die Jugendlichen in diesem Alter nicht um Wertbeständigkeit geht. Man möchte Musik "sharen". So viel und so schnell Zugang zu neuer Musik haben wie möglich.

Dies könnte sich im Alter aber möglicherweise ändern.
Die jungen Downloader von heute, möchten vielleicht später auch etwas von Bestand, von Wert besitzen:
Ein wenig Kultur zum hinstellen.
Eben genau dies ist die Langspielplatte. Das ist Vinyl. Ein Stück Erinnerung, Kultur, etwas von Bestand und Wert.
Zum Anfassen !

Ich möchte sehen, wie Sie die Musik in ihrem Streaming-Laufwerk anfassen und stolz Ihren Besuchern zeigen.
Der erste der dies vermag, möchte mir bitte eine eMail schreiben.


Euer Dr. Vinyl

 

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